Campusvampirismus

2018

-Leseprobe-

Kiki

Ich treffe Nicole zum ersten Mal, als ich zur Mitternacht meines ersten Tages in Guangzhou durch den Unicampus, in dem ich wohne, spaziere. Es ist heiß wie in einem Backrohr, der Boden federt angenehm unter meinen Sohlen und meine Kleidung ist tropfnass, obwohl ich nicht schwitze, denke ich jedenfalls, könnte aber auch sein, dass es nicht sein kann. Ich erschrecke, als ein großes, schweres Blatt neben mir auf den Boden fällt. Ein mir noch völlig unbekanntes Geräusch. Bisher kannte ich, immer nur die gemäßigten Breiten meiner Heimat durchschlurfend, erst ihre herbstlich bunten Verwandten, die mickrigen Laubscheißerchen. Alles in dieser Natur hier ist riesig, bunt, üppig und laut. Der menschlich zurecht gestutzte Subtropenpark streckt mir in der Dunkelheit verborgene Gesichter in alle Richtungen verziert mit irren Mustern entgegen. Gefahrenvoll kommt es mir hier vor. Ich weiß aber noch nicht, warum.

Nicole ist ihr Englischer Name. Ihr Chinesischer ist entweder Chang, Cheng oder Li, das kann ich nicht memorieren und verwende deswegen die ausländerfreundliche Version. Sie ist die erste Professorin, die mir auf Augenhöhe begegnet. Obwohl ich mich gerade auf allen Vieren schnüffelnd im Gras befinde. Ich bin dort unten auf der Suche nach einem Heilkraut, das meinem immer wieder vor lauter Überschwang wegen dem vielen Neuen hier, heiß überkochenden Kopf Linderung verschaffen soll. Deswegen bin ich eher auf Augenhöhe ihres hübschen Begleiters. Während die Frau mit mir plaudert, werde ich immer unaufmerksamer und habe bald nur noch Augen für den weiß strahlenden Fellberg, den sie an der Leine führt. Ich nicke ihr entgegen und zeige noch ein Lächeln für ihre Wörter, die für mich aber jede Bedeutung verlieren. Ich möchte jetzt nur mehr Hund sein.

Ich habe mich Tieren immer schon sehr nahe gefühlt. Die besten Momente meines Lebens fühlten sich für mich in ihrer Unwiederbringlichkeit tierisch an. In den schlechtesten wurde ich zum mitleidslos von mir selbst verhetzten Vieh: Zum tollwütigen Wolf mit eingezogenem Schwanz und struppigem Fell voller Parasiten, das er sich in seiner hilflosen Juckigkeit vom Leib reißt und interessiert schaut, was sich darunter verbirgt. Zuletzt verspeist er es zu allem Überfluss auch noch, weil er vergisst, dass es sich dabei einst um einen Teil von sich selbst handelte.

Neu für mich ist aber, dass ich, dem tollen Hund so auf allen Vieren gegenüberstehend, jeden Anstand gegenüber seiner Besitzerin verliere. Wie aus weiter Ferne höre ich noch:

Kiki ist ein weißes Kind des hohen Nordens, das im subtropischen Sommer Südchinas immer wieder in den Lacken seiner Schweißbäche ausrutscht, um darin für einen kurzen Moment kühl baden zu können…im Herzen ist er für immer jung.

Dann trete ich voll und ganz in seine tierische Welt ein und schließe erleichtert die Tür hinter uns.

So ganz bei Kiki angelangt, verstehe ich, was ihn interessiert. Die Blüte da duftet nach hundert Gerüchen. Ein Rivale war vor kurzem hier. Er hat daneben markiert. Also sofort darüberspritzen! Dann gleich wieder mit dem Anderen. Herumbalgen und auf zum um die Wette laufen. Wer kann dieses Stöckchen besser in den Zähnen verkeilen? Wir knurren und fletschen die Zähne. Das ist aber nur Spaß. Wir wissen beide, dass wir Kameraden sind und das Spiel die Macht des Stärkeren erkennen lässt. Wie dabei die Zeit vergeht! Nicole zieht Kiki von mir weg, der Hund stemmt sich fest gegen die Leine und winselt. Ich möchte auch lieber mit ihm mitkommen. Aber Nicole winkt mir lachend und lässt mich alleine, mittlerweile auch wieder nur Mensch, in der Wiese kniend zurück. Nach ein paar Minuten kommt ein Pudel neugierig auf mich zu, er lässt mich aber völlig kalt. Auf den ersten Blick kann ich erkennen, dass der da nicht spielt: Sein gut gekämmtes Fell ist strahlend rein. Dieser Hund könnte niemals Kiki ersetzen. Enttäuscht hebe ich mich auf meine nichtsnutzigen und jetzt auch noch wegen des langen Ungebrauchs eingeschlafenen Füße und gehe wackelnd nach Hause.

Das Telefon klingelt. Ich bin im Pyjama mit Krimi in der Hand und Polsterabdruck im abgeschminkten Gesicht. Oder war das Polster in der Hand und Krimiabruck im Gesicht? Meine langen Augenbrauen sind zerwuselt und stehen wild aufgebracht in alle Himmelsrichtungen, sehe ich im spiegelnden Smartphonebildschirm. Auf diese Weise kündigen sie mir allabendlich die sich anbahnende Nachtruhe an. Am Hörer werde ich aber schnell hellhörig: Kiki habe gerade erfolgreich ein Schaumbad hinter sich gebracht und strahle weiß vor aus allen Nähten platzender Freundlichkeit, teilt mir Nicole mit. Er sei in eine lethargische Stimmung verfallen, weil die vielen Shampooblasen seinen Geist vernebeln und das heiße Wasser seinen Körper weich und seine Laune beugsam und gleichgültig macht. Ich springe in die Klamotten und laufe los. Der Abdruck im Gesicht und die verfilzten Brauen sind mir jetzt egal. Als ich bei der Wohnung der beiden ankomme, drückt mir Nicole schon an der Haustüre wartend eine Quietschente in die Hand und führt mich schnurstracks ins Badezimmer. Ich sehe den Hund. Kiki hat sich zur Hälfte aus der Badewanne gestemmt, sein Hinterteil steckt noch in den vielen süß duftenden Blasen des Badewassers. Er trägt ein Sahnehäubchen mit einer Dekokirsche auf seiner frisch gewaschenen Kopfspitze. Auf meine Frage, was es mit der Zubereitung Kikis zur hündischen Torte auf sich habe, meint Nicole:

Ich nasche gerne süße Speisen von Kikis Kopf wenn er rein ist. Der Hund ist dann ganz entspannt weil er merkt, dass ich mich dem Genuss voll und ganz hingebe. Dabei leckt mir Kiki gerne über den nackten Busen.

Erstaunt schaue ich sie an. Hat sich da ein Übersetzungsfehler eingeschlichen? Ich versuche, mehr darüber in ihrem Gesicht zu lesen. Sie lächelt schelmisch, hebt die linke Augenbraue und meint weiter, ich solle Ähnliches doch auch probieren und meiner Fantasie dabei freien Lauf lassen. Bevor ich etwas dazu sagen kann, schließt sie schon die Tür zum Badezimmer und lässt uns darin alleine. Ich wende mich dem Hund zu. Bin ihm gegenüber etwas schüchtern, wir kennen uns ja noch nicht lange. Komme ich ihm komisch vor, in meinem Befinden so seltsam zwischen Tier und Mensch eingeklemmt? Kiki zeigt mir ein entspanntes Lächeln, lässt mit einem klackenden Geräusch die Zunge seitlich aus dem Mund herausfallen und scheint mit seiner Lage gänzlich zufrieden zu sein.

Das war nur meine nervtötend verkopfte Menschlichkeit, die sich zu viele Gedanken macht und darüber vergisst, zu sein wo und wie ich bin.

Der Hund legt den Kopf schief und lauscht mit gespitzten Ohrmuscheln, ob noch mehr Worte kommen. Sein so sorgenfrei faltenloses und stattdessen witzig buschiges Hundegesicht wirft mich gedanklich mit Arschbombe voraus in sein tierisches Wasserspielparadies. Ich entscheide mich kurzerhand, mich auch in die blubbernde Badewanne zu legen. Es kommt mir seltsam vor, mich vor ihm nackt auszuziehen, aber dann lache ich: Er hat ja auch keine Kleider an! Ich werfe also auch noch die Unterwäsche weg und bemerke, dass mich der Polarhund von oben bis unten betrachtet. Augen groß aufgegangen vor Überraschung. Unglaublich, das hätte ich mir nicht gedacht:

Der gibt mir ernsthaft den Elevator-Gaffer!

Keine Körperstelle scheint ihn dabei besonders zu interessieren und nachdem er mich auf diese Weise abgecheckt hat, wendet er sich wieder der Betrachtung der ihn umgebenden Blasen zu. Ich bewege mich langsam auf die Badewasserwelt zu. Möchte Kiki die Entscheidung überlassen, ob er sich auch nochmal hineinlegt, herausspringt oder halb drinnen, halb draußen bleibt, so wie er gerade ist. Dank der beheizbaren Keramik des Bades ist das Wasser angenehm warm und ich lasse mich tief hinein sinken. Das ist geil entspannend, sowas hatte ich schon lange nicht mehr. Von oben bis unten eingehüllt in wärmende in alle Richtungen duftende ölige Substanzen und umgeben von leise knisternden Blasen die sich auf der Haut wie federleichter Samt anfühlen. Ich platziere zwei Handschaufeln von dem Schaum auf beiden Wangen und mache dazu die Lustigkeit verstärken sollende dicke Hamsterbacken für den mich dabei immerzu anstarrenden Kiki. Stecke den Oberkopf nach vorne in die Blasenschicht hinein, damit sich ein weißer Afro um meinen Kopf formiert. Nehme wieder zwei Hände voller Schaumberge und blase, der Klassiker, Kiki das ganze weiße Zeug ins Gesicht. Der schüttelt wie wild den Kopf um die Blasen loszuwerden, die aber offenbar ganz schön fest im weichen Fell kleben. Ich kann mich nicht halten, rufe:

Witz lass nach!

und pruste los. Kiki hat jetzt knallrote tränende Augen, das Liquid muss wohl teuflisch darin brennen! Ich lache noch kurz darüber. Da drin beim Herumtollen und Scherzen überkommt mich aber schnell die Müdigkeit und ich nicke ein. Ein Kitzeln auf den Fußsohlen lässt mich aus schwitzig heißen Träumen aufschrecken. Sofort ziehe ich beide Beine an und fasse mir an die Zehen, dorthin wo ich das Kitzeln zu verorten glaube. Ich sehe weit und breit nur Blasen. Plötzlich taucht ein weißes Gesicht mit drei schwarzen Punkten vor mir aus dem Wasser auf. Vor lauter Schreck springe ich auf und in einem Satz aus der Wanne heraus. Die Haare hängen ihm lang und glatt wie ein Vorhang über die dunklen Augenhöhlen und verdecken diese, sodass ich den Taucher, noch so nah an der Grenze zu meiner Traumwelt erschienen, nicht gleich erkannte. Sein Kopffell schaut aus wie eine im Wasserfall-Style geglättete Glamrockfrisur, die Kiki einen androgynen Charakter gibt. Stehe ich voll drauf. Grinsend steige ich wieder hinein. Kiki steht im Blasenreich, schüttelt mit einer schnellen Kopfbewegung sein langes Fell hinters Ohr und sieht mich mit jetzt freiliegenden dunklen Knopfaugen interessiert an. Das Weiß seines restlichen Körpers geht in den Dampfbläschen verloren und ich erkenne nicht, wo sein Anfang und Ende zu verorten sind. Ist eigentlich auch egal, wie er unter Wasser weitergeht. Aber trotzdem hätte ich gerne gewusst, ob Kiki an der Oberfläche treibt oder mit den Läufen stabil am Boden steht. Er zwinkert lasziv flirty in meine Richtung- verwendete er dafür tatsächlich nur ein Auge oder habe ich mir das nur eingebildet? Lässt beide Glubscher dann etwas länger geschlossen und öffnet die Lieder ganz langsam wieder, während er den Kopf schief legt. Ich wende schüchtern meinen Blick ab, bin versucht, mit den Zehen einen Halbkreis vor mir auf den Boden zu zeichnen, aber das geht ja gerade nicht, weil ich in der Badewanne liege. Schaue stattdessen in andere Richtungen, mir ist die intime Situation mit ihm etwas peinlich. Kiki lässt mich nicht aus seinen schwarzen Knopfaugen. Dann beginnt er zu hecheln. Die Zunge hängt ihm dabei auf der rechten Seite lang heraus. Dem Polarhund muss doch hier in dem beheizten Becken unangenehm viel zu heiß sein, oder nicht? Mit dem ganzen dichten Fell, das ihn ummantelt. Ein Image seines Körpers ohne weißem Haar- er muss wohl darunter so wie die Haut um seine Augen und die Schnauze, kohlschwarz sein- tritt in meine Gedankenwelt und lässt mich überschlagend darüber lachen und zeitgleich vor Grauen schüttelnd erzitternd. Schnell scheuche ich das mich so faszinierend ekelnde Bild weg und hoffe, es möge nicht mehr so bald zu mir zurück kommen. Ich erkenne in Kiki wieder den zum Glück vor weißer Felligkeit strahlenden flauschigen Hundehaufen und wuschle ihm lachend über den Kopf, so dass die Tropfen im hohen Bogen um uns herum spritzen und die Bläschen fliegen lernen. Das gefällt Kiki so gut, dass er übermütig wild nach Luft schnappt und die dunklen Lippen zuckend spitzt. Er drückt das Gesicht tief in meine Handfläche und bewegt den Kopf vor und zurück, um die Wirkung meines Streichelns zu intensivieren. Weit nach oben hält er seine Schnauze jetzt und macht in einer hohen Tonlage singend winselnde Geräusche. Ich nehme an, er will damit seinen Wunsch ausdrücken, dass ich ihn am mir entgegengestreckten Hals kraule. Das tue ich. Er rückt langsam näher an mein Gesicht heran. Ich spüre seine weichen Füße im Wasser auf meinem Bauch. Er spaziert also doch am Grund und treibt nicht, wie ich irrtümlich annahm, an der Oberfläche. Ich muss grinsen, weil sich seine tapsenden Zehenballen weich anfühlen. Es kratzt aber auch ein bisschen auf der weichen Haut meines Oberkörpers, auf der er geht. Das ist vom Gefühl her zwischen kitzlig und etwas schmerzhaft. Ich spanne nervös mein Unterkiefer an und bin jetzt hellwach und aufgeregt. Kiki drückt seine kalte Nase an meinen Hals und öffnet dabei leicht seine Lippen, so dass ich seine scharfen Hauer spüren kann. Möglicherweise habe ich etwas Schlagsahne abbekommen, die er sich gerade einverleibt, denke ich. Die lange Zunge schleckt über meinen Hals und ich lege den Arm um Kiki’s Rücken. Weiß nicht, ob ich ihn damit von mir wegdrücken oder zu mir herziehen soll. Kikis Schlecker ist wendig und findet jetzt den Weg zu meinem Ohrläppchen. Woher weiß er, dass das eine meiner besonders empfindlichen Stellen ist? Mir entfährt ein Seufzen. Er ist mir jetzt ganz nahe, ich fühle sein nasses Fell über den Oberkörper streifen und habe seinen süßen Parfumhauch in der Nase. Kiki steckt seinen Kopf zwischen meinem Unterkiefer und der Schulter durch und macht schnaubende Geräusche. Ich nehme an, meine Haare kitzeln ihn in der Schnauze. Er drückt sich jetzt mit seinem ganzen Gewicht auf mich und ich rutsche nach hinten, tauche mit dem ganzen Kopf unter Wasser.

Goggly

Als ich schwindlig wankend unbekleidet aus dem Badezimmer trete, streckt mir Nicole ein großes Badetuch entgegen. Sie erzählt mir munter plaudernd, dass es am Campus jemanden gibt, der, genau so wie ich, nicht ganz einpasst. Sie denkt, es wäre gut für uns zwei, gemeinsam seltsam zu sein, aber schwierig für mich, ihm einfach über den Weg zu laufen. Er führe ein zurückgezogenes und einsam nächtliches Leben. Kikis Besitzerin gibt mir den Tipp, in der darauffolgenden Nacht durch die Hallen, die den Campus unterirdisch durchziehen, zu gehen. Sie zeigt mir auf einem Gebäudeplan, wo sich der Eintritt in das Untergeschoß befindet und markiert mit rotem Stift den Weg durch das Labyrinth der zahlreichen Gänge. Ein großes Kreuz macht sie in einem Raum, in dem die Bandprobe, wie sie es nennt, stattfindet. Nicole fügt hinzu, dass die Band momentan nur aus einer Person bestehe. Zum Leidwesen dieser. Ich bin so enorm gespannt auf diese Begegnung im Untergrund, dass ich mich sofort bei Nicole für die Gastfreundschaft bedanke und losziehe. Vergesse ganz darauf, oder möchte darauf vergessen, mich von Kiki zu verabschieden. Als ich schon aus der Eingangstür des Wohnhauses getreten bin und nochmals hinaufschaue, um mir die Position der Wohnung von außen einzuprägen, sehe ich im Badezimmerfenster ein großes weißes Gesicht, das eine nasse Pfote an die Scheibe drückt. Ich will noch die Hand zum Gruß heben, überlege es mir aber anders und lasse sie auf halbem Weg wieder nach unten sinken und wende mich ab. Ich finde den Eintritt in das unterirdische Reich dank Nicoles akkurater Beschreibung auf Anhieb, verlaufe mich aber ein paar Mal in seinen dunklen Gängen, die alle gleich aussehen. Irgendwann folge ich dem zuerst noch leisen Klang eines düsteren Gitarrenriffs und es führt mich direkt in den Proberaum.

Goggly steht alleine mit E-Gitarre auf einer improvisierten Bühne. Er ist groß und schlaksig. Hat einen kleinen Kopf und ganz kleine dunkle Händchen mit langen, nach oben hin spitz zulaufenden Fingernägeln. Seine Perücke mit langen schwarzen Locken trägt er auftoupiert und ihre Spitzen sind gebleicht, damit sich um den Kopf eine gekräuselte goldene Heiligenscheinkugel formiert. Wahrscheinlich soll das Haupt dadurch größer wirken. Seine zerbrechlich dürren Stecknadelbeine sind in der weiten Jeans kaum auszumachen und sein Staksen von einem Bein auf das andere, während er an den Seiten zupft wirkt holzig und unsicher. Weil er mich noch nicht bemerkt hat, bleibt mir Zeit, ihn ausgiebig mit Sicherheitsabstand zu beobachten und notfalls unbemerkt zu verschwinden. Seine Klamotte ist hardrockig. Schwarze abgetragene Lederkluft und viel gefährlich aussehender Nietenschnickschnack, für den ich immer schon eine Schwäche hatte. Je besser gespitzt die einzelnen Nieten, desto geiler! Er scheint einen sehr dünnen, fast skelettiert knöchernen Körperbau zu haben. Alles Gewand schwankt und wankt an ihm vor Weite. Es hat nichts, womit es ausgefüllt werden könnte. Diese Gestalt sieht ganz schön schräg aus, und irgendwie nett. Ich nähere mich ihm also zögerlich. Er sieht mich und legt sofort die Gitarre weg. Er springt mit Knaksen in den dabei wie mir scheint fast abbrechenden Kniekehlen von der Bühne und kommt auf mich zugelaufen. Der Junge biegt im schnellen Schritt die Beine, als wären es Stängel von Vogelscheuchen. Ich will schon ausweichen und schaue leicht panisch nach dem Tunnel, aus dem ich gekommen bin. Soll ich mich dorthin wieder verziehen? Mit dieser Geschwindigkeit, in der er sich auf seine Begrüßung stürzt habe ich nicht gerechnet. Weil sein Gesicht dabei aber freundlich lächelt, überlege ich es mir anders und bleibe stehen. Habe aber die Knie bereits leicht gebeugt und das Gewicht startbereit zur Flucht auf das rechte Bein verlagert. Er hat so viel Schwung genommen, dass er kurz vor mir ankommend, die großen Schuhe seitlich in den Boden rammen muss. Mit dieser Bewegung bremst er stark ab. Er wankt dabei als hätte er Probleme, das Gleichgewicht zu halten. Er fängt sich und stabilisiert seinen Körper mit weit von sich gestreckt schaukelnden Armen. Interessiert schauend begrüßt er mich, indem er mir die kleine, krallige Knorpelhand entgegenstreckt. Ich drücke sie, wohl zu fest, weil ich so abgelenkt bin von seinem sack nett aussehenden Schnauzgesicht in das ich mit großen Augen starre. Er fiept in einer hohen Stimmlage und zieht schnell die Hand zurück.

Oh, entschuldige.

Goggly scheint den Schmerz des zerdrückten Händchens aber gleich wieder vergessen zu haben. Er spricht nicht mehr darüber und erzählt mir stattdessen munter von der Bedeutung des Halloween- Fests hier in China.

Dieser große, mir so liebe Feiertag wurde heute zelebriert. Deswegen triffst du mich gerade als Junge verkleidet an.

Ich wage nicht nachzufragen, wer oder was er sonst, im normalen Leben ist. Er möchte darüber offenbar auch nicht von sich aus sprechen und bietet mir kurzerhand einen DJ Kurs für Einsteiger und Überflieger, wie er es nennt, an.

Gleich kommen die Verdrussler, die spielen auch in diesem Proberaum auf. Dann zeige ich dir, was musikalisch und styletechnisch gesehen eine richtige Sause ist. Verdruss ist zwar eine Chinesenband, denen man die Coolness des funkelnden Rockerlebens geprägt von hardcore Koffein, Bloody Mary und wilder Fickerei mit ebendieser nicht unbedingt zuschreiben würde. Aber glaub mir, nur eine einzige lebendig miterlebte Probe von denen und du wirst alles über den Haufen werfen, was du je glaubtest über Untergrund Campusmusik zu wissen.

Ich habe keine Vorstellung von Untergrund Campusmusik und deswegen auch dementsprechend wenig, was ich über den Haufen werfen könnte. Bin aber nach dieser Ausführung Gogglys sehr gespannt. Der beginnt, wie wild an Knöpfen und Platten zu drehen. Er wischt die Teller am Set mit dem langen Ärmel seiner Lederjacke, die offenbar kess im Zwangsjackenstil geschneidert und mit Schnallen und sogar daran baumelnden Handschellen ausgestattet wurde. Während des Kurses will ich nicht lernen. Ich weiß nichts mit den vielen Knöpfen und Tonreglern anzufangen und kann mir keine ihrer Positionen oder Funktionen merken. Aber dann drehe ich mich dafür umso wilder im Kreis zu den düsteren Klängen der Band Verdruss, die mit der Session beginnen. Ich werde völlig von den krass tiefen Bässen ihres Elektromatschs mitgerissen.

Die Musikrichtung heißt knietief einsinkender Elektromorast, nicht Elektromatsch,

belehrt mich Goggly, als ich ihm nachher von dem mir so endlos cool vorkommenden Sound der Verdrussler vorschwärme.

Goggly reagiert auf meine musikalische Stümperei beim Tellerwischen eher melancholisch als gereizt. Ohne zu sprechen treten wir nach der in übertriebenen Dancemoves meinerseits und wildem Plattendrehen seinerseits ausgelassenen Euphorie in den frühen Morgenstunden den Heimweg an. Etwas trostlos, kommt mir vor, weil ich so ausgelaugt zu keiner Konversation fähig bin und Goggly in einen schweigsamen Mood verfallen ist. Ich widerstehe dem ersten Impuls, mich so zu benehmen, wie das mein Gegenüber höchst wahrscheinlich von mir erwarten würde und dann dem zweiten Impuls, bei einem sich anbahnenden Problem der Zwischenmenschlichkeit die Flucht zu ergreifen. Die Unfähigkeit, mich in das Gefühlsleben und in die Geisterwelt anderer Menschen einzudenken, ist mir trotz Ortswechsel geblieben.

Ich versuche, an den erst leicht eingeprägten Fältchen im feinen Gesicht Gogglys herauszulesen, welche Emotionen er in seinem bisherigen Leben zeigte und wie oft. Seine Visage ist gänzlich von samtenen grau schimmernden Härchen überzogen. Das macht es mir schwer, die feinen Linien dahinter zu zählen. Ich habe den Wunsch, das anzugreifen, um seine physikalische Zusammensetzung besser verstehen zu können. Jetzt gerade zieht er, begleitet von einem Seufzen, die Wangen nach oben und macht damit unter seinen Augen Krähenfüße. Ein Lächeln? Verzagen? Unwohlsein? Ich lasse resigniert keine Antwort findend meinen Blick an seiner Gestalt hinuntersinken. Schaue stattdessen, ob ich herausfinden kann, wie groß der junge Herr eigentlich ohne die klapprigen Holzstelzen seines Kostüms wäre. Ich entdecke den Abdruck seiner Krähenartigen Füße unter der Hose. Ich kann die Muskelfasern, die angespannt, offenbar mit viel Mühe die schweren Holzsäulen der Stelzen halten, unter der langen Jeanshose beim Gehen gut erkennen. Plötzlich trifft mich ein Sehnen nach geistiger Nähe, die Ungestümheit packt mich am Nacken und ich frage stimmüberschlagend heraus:

Was siehst du, Goggly?

Wenn er darauf nicht antwortet, ist mein Mutgröpfchen bis auf den letzten Tropfen ausgeschöpft.

Die Morgensonne schält sich aus den dichten Fängen des Frühnebels. Der mir so wohlwollende Smog der Megastadt verzieht sich zu meinem Leidwesen hinter dem danach dürstenden in ein weißes Tröpfchenmeer gehüllten Berg.